Fremd bleiben

Darstellende Künste für die Jüngsten zwischen Kunst und Vermittlung

Am zweiten Symposiumstag wollen wir als Veranstalterinnen Themen und Fragestellungen in das Plenum geben, die uns in unterschiedlichen Variationen in den letzten sechs Jahren beschäftigt haben. Die Frage nach den Wirkmöglichkeiten der darstellenden Kunst sowohl als Rezeptionserlebnis als auch in partizipativen Projekten und die damit verbundene Frage, welche Ansprüche wir selber an unser künstlerisches Tun stellen und welche von außen an uns herangetragen werden.

Wer Theater für sehr junge Kinder macht, wird fast automatisch dem Feld der „frühkindlichen ästhetischen Bildung“ zugeordnet, selten ist vom frühkindlichen ästhetischen Vergnügen die Rede. Wer Theater für Erwachsene macht, kommt hingegen selten in die Verlegenheit argumentieren zu müssen, welchen Beitrag er zur ästhetischen Erwachsenenbildung leistet. Im Theater für die Jüngsten werden wir dadurch immer wieder zurück geworfen auf die elementare Frage, welches Kunstverständnis und welches Menschenbild wir unserer Arbeit zugrunde legen. Nehmen wir den Bildungsauftrag an? Wollen wir etwas vermitteln? Öffnen wir Räume zur Selbstbildung? Setzen wir auf mündige Zuschauer*innen, selbst wenn diese erst zwei Jahre alt sind? Verteidigen wir die Kunst als zweckfreien Raum auch dort, wo Künstler*innen und Publikum gleichwürdig, aber nicht gleich sind?

Nicht nur in den darstellenden Künsten für die Jüngsten, auch in Projekten für und mit Geflüchteten sind Kunstschaffende seit zwei Jahren verstärkt mit diesen oder ähnlichen Fragen konfrontiert. Eine Vielzahl neuer Förderinstrumente implizieren, die Reden von Kulturpolitikern betonen und die Fachtagungen der Szene selber diskutieren die Aufgabe der Künstler*innen bei der Integration neuankommender Mitbürger*innen in unsere Gesellschaft. Doch auch hier lauert die Paternalismusfalle: wie können wir uns öffnen, jeden Menschen als Gegenüber anerkennen und in Kontakt kommen? Ohne sie oder ihn vorher als abweichend und defizitär zu definieren? Und ohne von vornherein festzulegen, was zu vermitteln ist?

Das Ensemble des Theater o.N. folgt dem Gedanken, dass künstlerische Begegnungen gelingen können, wenn wir uns den Inhalten, dem theatralen Material und unserem Gegenüber als Forschende und Lernende nähern, die Differenzen als solche akzeptieren, dabei aber auf eine Hierarchisierung von Kunstformen, Zuschauer- und Teilnehmergruppen, Institutionen etc. verzichten.

Der Vorgang des „fremd machens“ und „fremd bleibens“ könnte dabei eine wichtige Rolle spielen. Es ist das Gegenteil von Integration, aber mit demselben Ziel. Wenn ich mich aus meinem eigenen kleinen (Kunst)Kosmos herauswage, treffe ich auf Menschen, die mir unvertraut sind, sei es, weil sie gerade eine andere Lebensphase durchschreiten, sei es, weil sie aus einem anderen Kulturkreis kommen oder unter völlig anderen Bedingungen aufwachsen und leben als ich. Was passiert? Begegne ich dem oder der anderen mit freien Sinnen, aber ohne mich zu verstellen oder anzupassen? Stelle ich mich selber in all meiner Fremdheit zur Verfügung? Setze ich mich mit den Gemeinsamkeiten und Unterschieden auseinander und verteidige meine Interessen und Werte – aber mit offenem Ausgang?

Dies mag in einem Kunstbetrieb, dessen Strukturen immer noch dem Erhalt der bestehenden Machtverhältnisse dienen und die quantifizierbare Wirksamkeit von Kunstereignissen fordern, eine utopische Haltung sein. Auf jeden Fall aber ist es wert immer wieder öffentlich darüber nachzudenken, inwieweit wir in unserer künstlerischen Praxis ein (Werte)system unterstützen, was wir in der Theorie mal mehr mal weniger leidenschaftlich ablehnen.