Forschungslabore 2020

Drei Kollektive von Künstler*innen forschen im Auftrag von FRATZ 2020. Hier geben wir Einblicke in die Arbeit.

Labor:

Die Superkräfte von den bisher nicht-gefeierten Superheld*innen

Mit Caroline Alves (BR), Iury Salustiano Trojaborg (BR/DN/DE), Mareike Jung (DE)

    Forschungsfrage: Wie können wir Narrative entwickeln, die die Empathie und das Verständnis für die Unterschiede zwischen Menschen bei Kindern im Alter von 2-6 Jahren stärken, indem wir ihnen nicht-binäre Modelle von Superheld*innen präsentieren?

Das Labor präsentiert Persönlichkeiten unserer Gesellschaft, deren Geschichten normalerweise nicht erzählt werden, als Superheld*innen – eine*n nicht-binäre*n Indigene*n Krieger*in, die*er für die Gleichstellung der Geschlechter kämpft. Eine Köchin, die nicht nur den Körper, sondern auch die Seele diskriminierter Minderheiten versorgt. Welche Superkräfte hätten sie? Empathie? Unterschiede verstehen? Die Fähigkeit zuzuhören? Wie veranschaulichen wir diese Kräfte?

Mit Hilfe von theatralen Mitteln und der Bewegungssprache der [wo]men in back company* soll mit verschiedenen Altersgruppen (2 bis 4 und 4 bis 6 Jahre) experimentiert und ihnen andere Vorbilder gezeigt werden, als die herkömmlichen Superhelden*innen. So soll ein Raum entstehen, in dem solche nicht-binäre Superheld*innen und andere Figuren die Bedeutung von »Superkräften« wie Empathie mit der Welt teilen.

* im Rahmen der Überlegungen zu diesem Labor beschloss die Company »men in back« eine Intervention bezüglich ihres eigenen Namens und fügte das Suffix »[wo]men in back« hinzu.

Dramaturgische Begleitung: Marie Yan

Labor:
TAH DAM! (together at home, dance and music)

In Kooperation mit MusicDance Cape Town und ASSITEJ South Africa

Mit Thalia Laric, Faye Kabali-Kagwa, Nicola Elliott, Manuela Tessi, Vintani Nafassi, Coila Enderstein, Sumalgy Nuro

Unser Projekt begann mit der Frage, wie wir mit Kindern zusammenarbeiten können, um gemeinsam eine Musik- und Tanzperformance in Echtzeit zu komponieren. Jetzt können wir uns aufgrund der Corona-Pandemie für einige Wochen nicht versammeln und müssen zu Hause bei unseren Familien bleiben und andere Wege finden, uns zu verbinden. Unser Forschungsdesign haben wir entsprechend angepasst.

    Neue Forschungsfrage:
  • wie kreiert und teilt man Aktivitäten für Kinder und ihre Bezugspersonen zu Hause?
  • wie kann man diese Aktivitäten in eine Inszenierung für Kinder einbeziehen?
  • wie kann man herausfinden, ob diese Aktivitäten als wertvolle 'Vorbereitung' für eine vertiefte Erfahrung beim Besuch der Live-Aufführung funktionieren?

Dieses Forschungsprojekt untersucht Möglichkeiten, Musik und Tanz in den Alltag von Kleinkindern (im Alter von 2-5 Jahren) zu bringen. Ziel ist es, Eltern und Betreuende mit Aktivitäten/Spielen zu versorgen, die sie mit ihren Kindern zu Hause spielen können. Die Spiele orientieren sich an Grundprinzipien der Musik- und Tanzkomposition und werden über kurze und leicht zugängliche Online-Videos verbreitet. Das in diesen Videos geteilte Material wird auch in eine Tanzperformance mit Live-Musik integriert und bildet die Grundlage ihrer Partitur. Wir möchten untersuchen, ob die angebotenen Spiele für Zuhause eine Erfahrung bieten können, die das Erleben der Live-Aufführung für die Kinder persönlicher und bedeutungsvoller macht.

Tanz: Thalia Laric, Manuela Tessi, Sumalgy Nuro
Musik: Vintani Nafassi (afrikanische Perkussion) Coila Enderstein (Klavier, Elektronik), Grant Erasmus (KhoiSan-Bogen, Blasinstrumente)
Dramaturgie: Nicola Elliott
Forschung: Faye Kabali-Kagwa
Video: Lindsey Appolis

Labor:
»Skin-Tone«

von Joshua Alabi und KiNiNso Koncepts, Lagos, Nigeria

    Forschungsfrage: Farben, können sie nicht einfach nur schön sein?

Wusstest du das? An Orten wie Uganda, Kenia, Nigeria und anderen Teilen Afrikas würden sowohl Männer als auch Frauen ihre Hautfarbe, ohne mit der Wimper zu zucken, abschälen oder aufhellen lassen, wenn sie nur die Möglichkeit dazu hätten. Ich erinnere mich an meine Kindheit, an die großen Tanten und Onkel, die versuchten, ihre Hautfarbe zu ändern. Die afrikanische Gesellschaft, die diesen Akt nicht guthieß, bezeichnete diese Menschen abschätzig als »bleachers« (Bleicher) – die Beteiligten selbst nannten sich stattdessen »Toner« (Töner). Wo liegt das Problem? Geht es hier tatsächlich um die Unterschiede in der Hautfarbe oder doch eher um die Ideologien der Homogenisierung und Hierarchisierung, die der »Kolorismus«* mit sich bringt? Was geht Kindern durch den Kopf, wenn Themen wie Hautfarbe und race im Theater dargestellt werden? Kommt die Neugier vor dem Erstaunen oder umgekehrt? Wie sehen oder reagieren Kinder auf eine Vielfalt von Hautfarben im Kontext des Theaters oder der Kunst und wie können wir sie feiern?

Wir möchten erreichen, dass Kinder über Farben hinwegsehen können. Farben sind schön, sie bringen die Welt zum Leuchten und Funkeln. Aber nur Augen, die die Schönheit sehen, können Voreingenommenheit und Abgrenzung überwinden. Mit den Kindern wollen wir dunklere Haut feiern und gleichzeitig wollen wir helle Haut feiern. Wir werden zum Thema »SKIN TONE« arbeiten. Unsere Beschäftigung geht aus unseren Fragen und Gedanken zu Hautfarbe, Segregation, Bigotterie, Intoleranz, Beschränktheit und Separatismus hervor und wird inspiriert von unseren Überlegungen zu Nigeria, Afrika und Europa. Da das Theater ein Ort ist, an dem Menschen aus allen Kulturen und mit allen Hintergründen zusammenkommen, wollen wir diese Fragen und Themen mit den Kindern teilen und uns in einen Schutzraum des Geheimnisvollen, Heiligen, Einfachen und der Offenheit des Herzens zurück ziehen.

Joshua Alabi war mit seiner Produktion »Sandscapes« zu FRATZ International 2017 eingeladen, der Gruppe wurden jedoch die notwendigen Visa von den deutschen Behörden verweigert. Theater o.N. gab später gemeinsam mit anderen Akteur*innen, wie dem Starke Stücke Festival in Hessen eine Erklärung zu dieser Ablehnung ab und lud Joshua Alabi ein Jahr später als Beobachter zu FRATZ 2019 ein. Die Arbeitsbeziehung setzt sich in diesem Jahr mit dem SKIN TONE-Labor und der Teilnahme von Joshua Alabi und seinen Kolleg*innen von KiNiNso-Koncepts bei FRATZ 2020 fort.

Mit: Michael Ajimati, Joshua Alabi, Aniefiok Inyang
Dramaturgische Beratung: Marie Yan

* Definition Kolorismus: Vorurteile oder Diskriminierung insbesondere innerhalb einer rassischen oder ethnischen Gruppe, die Menschen mit hellerer Haut gegenüber Menschen mit dunklerer Haut bevorzugt (übers. von Merriam Websters Dictionary). Viele schreiben die Prägung dieses Begriffs der Pulitzer Preisträgerin Alice Walker 1982 zu. | Nicht zu verwechseln mit dem im Deutschen auch verwendeten Begriff des Kolorismus im Kontext der Malerei.