Diskussion

»Habt ihr an die Kinder gedacht?«

Die Notwendigkeit, einen gesellschaftlichen Wandel zu beschleunigen, wird immer dringlicher und der jugendgeführte Aktivismus nimmt zu - ein Beispiel dafür sind die von Greta Thunberg initiierten Schulstreiks für das Klima. Welche Entscheidungen treffen wir als Erwachsene in diesem Kontext? Was zeigen oder erzählen wir den Kindern? Was halten wir noch für tabu? Sind wir zu vorsichtig oder geraten wir in Panik? Wo liegt unsere Verantwortung, Kunst zu schaffen, die eine schwierige Realität widerspiegelt, an der die Kinder aktiv beteiligt sind? In diesem Gespräch sprechen wir mit dem bildenden Künstler Freddy Tsimba, der Kuratorin Karina Griffith und der Theatermacherin Hannah Biedermann darüber, wie sich ihre Praxis auf die Zukunft, auf ein Publikum unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Privilegien ins Verhältnis setzt.

Hannah Biedermann studierte zunächst Schauspiel auf der schule des theaters (Theater der Keller) in Köln, dann Szenische Künste an der Universität Hildesheim. Seit ihrem Diplom 2010 arbeitet sie als Regisseurin, Performerin und Theaterpädagogin im weiten Feld des Kinder- und Jugendtheaters. Sie arbeitet für Festivals wie die SPURENSUCHE – bundesweites Treffen der freien Kinder- und Jugendtheater oder Augenblick mal!, leitet Workshops für Kinder und Jugendliche zu zeitgenössischem Theater und inszeniert als Gastregisseurin an Häusern wie das Theater Marabu, COMEDIA Theater Köln, Staatstheater Karlsruhe, Stadttheater Ingolstadt, JungesEnsemble Stuttgart, Staatstheater Braunschweig, Theater Strahl oder das GRIPS Theater Berlin. Sie setzt sich für das Recht von Kindern auf ihre ganz eigene Kunst ein, aber bemüht sich immer auch um eine zeitgenössische Form und komplexe gesellschaftliche Themen. In ihren Stückentwicklungen wird ein Thema nie ausschließlich aus der Perspektive des Publikums gewählt, sondern immer aus der Erwachsenen-sicht der Macher*innen untersucht und erzählt. 2007 gründete sie ihre Theatergruppe pulk fiktion, mit der sie ihr Interesse und ihre Suche nach genreübergreifender und interdisziplinärer Formen jenseits klassischer Narrative für junges Publikum ohne Rücksicht auf Verluste verfolgen kann. Alle Produktionen waren zu diversen nationalen und internationalen Festivals eingeladen. »Papas Arme sind ein Boot« erhielt den 1. Preis des westwind Festivals 2014 und pulk fiktion wurde mit dem George Tabori Förderpreis 2016 ausgezeichnet. 2016 erhielt Hannah Biedermann zudem den Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler des Landes Nordrhein-Westfalen.

Karina Griffiths kuratorische und Bewegtbildarbeiten erforschen die Themen Angst und Fantasie und konzentrieren sich oft darauf, wie sie sich zur Zugehörigkeit verhalten. Zu ihren Interessen gehört es, die Verworrenheiten von Identität und Einwandererperspektive zu erforschen und gleichzeitig die einzigartige Weise des karibischen patoisalen Geschichtenerzählens ihrer Familie aufzuzeigen. Im Jahr 2017 kuratierte sie das dreimonatige Festival »Republik Repair: Ten Points, Ten Demands, One Festival – Reparatory Imaginings from Black Berlin« und arbeitete 2018 als Atelierstipendiatin von DISTRICT Berlin zu Decolonizing 68, was in ihrer Installation »We Call It Love, An Oppositional Screening« ihren Höhepunkt fand.
Griffiths Arbeiten wurden auf zahlreichen, unabhängigen Filmfestivals und Galerien gezeigt, darunter das HAU, die Galerie Mytis, das Institut für Alles Mögliche, das Bemis Centre for Contemporary Art und andere. Sie ist Doktorandin am Cinema Studies Institute der University of Toronto, wo ihre Forschung zur schwarzen Autorenschaft im deutschen Kino mit Theorien der Affekttheorie, Intersektionalität und Kreolisierung interagiert. Sie hat für Women in German Studies' Special Online Section on Race and Inclusivity, Berlin Art Link und Shadow & Act geschrieben. Seit 2018 ist sie Dozentin am Institut für Kunst im Kontext an der Universität der Künste Berlin.

Marie Yan ist Dramatikerin und Dramaturgin für Theater und Tanz. Ihr Schreiben ist in jeglicher Form von Narration, dystopischen Motiven, Poesie und Ethik geprägt. Sie studierte Dramaturgie und physisches Theater in Paris, Edinburgh und Glasgow und debütierte mit »The Fog« (Mary Leishman Theatre Award 2015) und »A Quick Decision Can be Made - a story of the Detained Fast-Track« (Teil des Refugee Festival Scotland 2015).
Als mehrsprachige Autorin wurde sie unter anderem vom Echtzeit Theater (»Wahrhaft Krumme Balken«, ein interaktives Stück über das Lügen) und vom Stadttheater Eskişehir (»I need to cross« ist seit 2019 Teil des Repertoires des Theaters) für das junge Publikum beauftragt. Ihre laufenden Projekte befassen sich mit der kollektiven Verantwortung für die Wahrheit (»La Théorie«, Produktion geplant in Paris in 2020) und Fragen der Entwurzelung und Zugehörigkeit, »A Borrowed Place«, (Arbeitstitel, Produktion geplant in Hongkong in 2021).
Yan lebt seit 2016 in Berlin und ihr dramaturgisches Werk fokussiert sich vor allem auf feministische und postkoloniale Perspektiven: sie arbeitete unter anderem mit dem Tanzkollektiv Grupo Oito an dem Stück »Unrestricted Contact«, inspiriert von Frantz Fanons Schriften und im Auftrag des Republik Repair Festivals (Ballhaus Naunynstraße), und sie verfolgt das Werk der Choreographinnen Natalie Riedelsheimer und Caroline Alves mit dem Stück »A Machine to Become_woman«. 2018 wurde sie Teil des Theater o.N.-Ensembles.

Freddy Tsimba (Kinshasa/Kongo, geb. 1967) ist bildender Künstler. Er lebt und arbeitet in seiner Heimatstadt Kinshasa. Durch zahlreiche Ausstellungen in Afrika, Europa, Kanada und China wurde er weltweit bekannt.
Dem Krieg eine Botschaft von Erinnerung und Frieden entgegenzusetzen ist Tsimbas Antrieb, wenn er zehntausende alte Patronenhülsen zu überdimensionalen Körpersilhouetten verschweißt.

»Meine eigentliche Schule, auch wenn ich in Kinshasa Bildende Kunst studiert habe, ist die Straße. Sie bringt mir viele Materialien [...] und wenn ich in mein Atelier gehe, »meinen humanitären Korridor« («mon couloir humanitaire»), wie ich es nenne, spucke ich alles aus, was mir die Straße gegeben hat, um durch das zu sehen, was ich berühre – Draht, Blech usw. Um jenen Menschen zu gedenken, die überall Opfer der Ungerechtigkeiten anderer Menschen und von Missverständnissen sind. Künstler zu sein ist eine Besessenheit.«

Tsimba ist eingeladen, auf dem FRATZ Symposium über seine Arbeit zu sprechen und mit uns über Postkolonialismus und künstlerische Freiheit, sowie Beweggründe und Wirkung künstlerischen Schaffens zu diskutieren.
www.freddytsimba.com