Musiktheater für die Jüngsten

Im Musiktheater für die jüngsten Zuschauer*innen gibt es noch nicht genügend Erfahrungswerte, um von Richtungen zu sprechen oder verlässlich sagen zu können, was gültige mögliche Formen für diese Zielgruppe sind. Eine neue Generation Komponist*innen und Musiker*innen muss zunächst für dieses Genre interessiert und begeistert werden. Das Ausprobieren hat in diesem Bereich erst begonnen. Unser Festival und Symposium will hier weitere Impulse setzen. Neben der Präsentation von Arbeiten, die primär mit musikalischen Mitteln arbeiten, wollen wir weiter experimentieren und den Austausch befeuern. Bestenfalls entstehen neue Arbeitszusammenhänge, Ideen und Pläne für weitere Forschung und Inszenierungen.

Die relevanten Fragen, die sich beim Happy New Ears Kongress herauskristallisiert haben und die wir im Rahmen des von der Deutschen Oper koproduzierten FRATZ Symposiums weiter untersuchen wollen, sind: Erstens: Wie komponiert man für sehr junge Kinder? Wie komplex kann Musik sein, die von einer Zielgruppe ohne kulturelle Vorbildung rezipiert wird? Und Zweitens: In welchem Verhältnis steht die Musik zu anderen ästhetischen Mitteln, insbesondere zur Narration und zum Visuellen? Kann die Musik, die anderen Sinne lenken? Wann fügen wir Geschichten und Bilder zur Komposition hinzu ohne unseren innermusikalischen Kosmos zu verlassen? Bleiben wir abstrakt? Wo überlagert das Visuelle das Auditive?


Zwei Forschungslabore bestehend aus je drei Künstler*innen der Bereiche Komposition, Musik und Spiel gehen diesen Fragen nach und entwickeln in zwei Mal drei Tagen kurze musikalische Szenen für sehr junge Kinder. Das Klang Labor untersucht dasselbe Thema in Hinblick auf eine Beteiligung der Kinder am künstlerischen Prozess, d.h. hier forschen erwachsene Künstler*innen und Kinder gemeinsam zu den Möglichkeiten einer musiktheatralen Zusammenarbeit.

Die Ergebnisse und Arbeitsprozesse werden für die Teilnehmer*innen geöffnet. Die Teams zeigen ihre Szenen, sprechen über den Arbeitsprozess und beantworten Fragen aus dem Plenum. Am Sonntag gibt es die Möglichkeit selber an einer Klang Labor Session teilzunehmen.


Ein Vortrag von Professor Wilfried Gruhn legt zu Beginn des Symposiums eine gemeinsame Basis für den späteren Austausch und Diskussionen. „Wie Kinder Musik hören und erleben Entwicklungspsychologische Grundlagen und Folgerungen für die Vermittlung“ lautet der Titel seines Beitrags. Im Anschluss gibt es die Möglichkeit Fragen zu stellen.


Die gezeigten Inszenierungen

Wie eingangs beschrieben, gibt es bisher wenige Produktionen an den Musiktheatern für ein sehr junges Publikum. Die Kinderoper beginnt in der Regel mit der Zielgruppe ab 5 Jahre. Insofern teilen wir kaum Seherfahrungen auf diesem Feld. Wir zeigen daher fünf sehr unterschiedliche Beispiele von Musiktheaterproduktionen für die jüngsten Zuschauer*innen und wollen so eine Basis für die Auseinandersetzung schaffen.

Die Eigenproduktion von Theater o.N. und Deutsche Oper Berlin „Kleines Stück Himmel“ ist ein klassisches Auftragswerk an die Komponistin Nuria Núñez Hierro, deren Musik szenisch von der Regisseurin Ania Michaelis mit einem Tenor, einer Spielerin und einem Bassklarinettisten umgesetzt wurde. Die Inszenierung „Zweieinander“ des Staatstheater Mainz, entstanden im Rahmen des Programms Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes, ist aus Improvisationen der Musiker und Performer, ohne Beteiligung eines Komponisten, entstanden. Die Instrumente stehen im Vordergrund. Die Inszenierung verbindet die Elemente Musik, Instrument und die Körper der Darsteller. Sie stellt eine Verbindung zwischen dem Hören und dem Sehen her, ohne eine Geschichte zu erzählen und ist somit ein Beispiel für Musik-Theater im ganz ursprünglichen Wortsinn. Das Musizieren selbst wird zum theatralen Akt. Durch die Einladung der Inszenierung wird das im Musiktheater virulente Thema "Musiker als Performer und Komponisten" unter den FachbesucherInnen zur Diskussion gestellt.

Die belgische Installation/Performance „Caban“ des Theater de Spiegel löst die klassische Bühne-Publikum auf und zeigt, wie man die jüngsten ZuschauerInnen partizipativ in die Performance einbeziehen und so ihre Neugier und ihr Interesse an der Musik, am Akt des Hörens und Erzeugens von Tönen, wecken kann. Caban richtet sich an Babies ab 3 Monate, geht dabei aber als Inszenierung über die inzwischen an großen Häusern beliebten „Babykonzerte“ hinaus.

Zwei weitere Inszenierungen arbeiten ausschließlich mit der Stimme als Ausdrucksform: die Solo-Improvisation Icilà“ von Benoit Sicat aus Frankreich sowie „Affinity“, die neue Arbeit des italienischen Choreographen und Regisseurs Alfredo Zinola. Gemeinsam mit dem Ensemble des Theater o.N. untersucht er Klänge auf ihre Fähigkeit Menschen zu berühren: Wie erreichen Töne das Publikum? Ein Ton erzeugt Aufmerksamkeit, ein Schlaflied beruhigt, ein Rhythmus lädt zum Tanzen ein.